Rebellion der Bilder

Die Rebellion der Bilder: Der Fotograf und Publizist Siegfried Wittenburg hielt in der Neuen Aula des GSP einen Vortrag über das Alltagsleben in der DDR.

„Die Banalität der DDR-Lebensläufe wurde akribisch von der Stasi aufgeschrieben. Ist das etwas Besonderes gewesen? Wen interessiert der „Mut“ der Jugendlichen DDR-Opposition heute noch, die das Aufkleben eines Kirchenstickers als Heldentat feierten? Das sind doch Relikte aus längst vergangenen Zeiten, die nur noch ein paar Rentner im Osten aus der politischen Totalversenkung hervorholen.“ Mit diesen Worten wurde vor einiger Zeit ein Spiegel-online Artikel des aus Rostock stammenden Autors und Fotografen Siegfried Wittenburg über seine ganz persönliche Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit im Netz kommentiert. Mag die eine oder der andere an diesem Vormittag vielleicht ähnlicher Auffassung gewesen sein: Siegfried Wittenburg hat sie/ ihn zweifelsohne eines besseren belehrt.
Geboren 1952 in Warnemünde und spätestens seit den 1980er Jahren als regimekritischer Fotograf und Publizist unter ständiger Beobachtung des Staatssicherheitsdienstes der DDR, machte sich Siegfried Wittenburg vor allem einen Namen als ein Mann, der die innere Zerrissenheit der DDR-Bevölkerung zwischen Trostlosigkeit und Sehnsucht insbesondere fotografisch dokumentierte – und: manchmal auch in Szene setzte. Genau dies brachte ihn insbesondere in der Spätphase der DDR wiederholt in Konflikt mit dem Staatsapparat: Zensur, Repressalien und Bespitzelung durch das DDR-Regime waren die Folge, und er entging der Einstufung als Staatsfeind offensichtlich nur knapp. 1988 war Siegfried Wittenburg Initiator der ersten freien Fotografie-Ausstellung im Norden der DDR, 1989 fotografischer Chronist während der Auflösung der ehemaligen DDR, und auch heute noch gilt sein künstlerisch-gesellschaftspolitisches Engagement der politischen Bildung, Bewahrung und Gestaltung von Freiheit und Demokratie. Ein Mann also, der beim Thema DDR-Alltag und Unterdrückung freier Meinungsäußerung weiß, wovon er spricht. Und ja: Es gelang Herrn Wittenburg in einem packenden Vortrag, der gespickt war mit ebenso mitunter höchst persönlichen Anekdoten aus seinem Leben in der ehemaligen DDR wie mit Stellungnahmen zu aktuellen politischen Diskussionen, die in der Neuen Aula versammelten Zehntklässlerinnen und Zehntklässler binnen kürzester Zeit in seinen Bann zu ziehen. Dass er dabei wiederholt stark polarisierte und sich nicht versteckte, war Ausdruck eines nicht verloschenen leidenschaftlichen Engagements gegen jede Art von Unterdrückung von Freiheit. Schnell war klar: So oder so, das geht uns alle an, hier geht es nicht bloß um „Relikte aus längst vergangenen Zeiten, die nur noch ein paar Rentner im Osten aus der politischen Totalversenkung hervorholen.“ Nein, Geschichte lebt!
Gern hätte man insbesondere noch mehr von Siegfried Wittenburgs überaus eindrucksvollen (Schwarzweiß-)Bildern gesehen. Bilder, wie etwa das eines kleinen Mädchens, das inmitten tristester Innenhöfe auf seinem Dreirad gegen die ganze Trostlosigkeit des DDR-Alltags anfährt. Dies umso mehr, als dass Bilder wie dieses nicht gestellt, sondern zufällige Schnappschüsse wie aus einer anderen Welt sind. „Mehr als 1000 Worte“, ging jedem sofort durch den Kopf. Gern hätte man auch mehr Zeit zur Diskussion gehabt. Denn dass Siegfried Wittenburg überaus fruchtbare Denkanstöße gegeben hat, zeigte nicht zuletzt die unterrichtliche Nachbereitung seines Vortrags. Kurz: Vielen herzlichen Dank und Prädikat „wiederholenswert“!

(A. Gebhardt)

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